Es kam der erste Schnee und es war schon kurz vor Weihnachten. Es fiel soviel Schnee, dass der Verkehr in der Stadt zum Stillstand kam. Zum Glück für die Stalingrader es waren noch nicht alle Kriegsgefangenen entlassen. Wir kamen von der Arbeit nach Hause und mussten kurz darauf wieder ausrücken, um die Tramwai Linie freizuschaufeln, doch der Schneesturm wehte die Gleise und die Strassen schnell wieder zu. Obwohl wir einen Nasenschutz gegen erfrieren hatten, wurden wir nach ein paar Stunden abgelöst von den Saklatsony (russische Strafgefangene). Man hatte es kaum länger ausgehalten, dieser Schneesturm nahm einen die Luft weg. Wir dachten an die Kameraden die 1941 bis 1942 hier ähnliches erlebt hatten und Hände und Füße erfroren hatten.
Dieser ständige Arbeitswechsel und der Wintereinbruch sorgten für Abwechselung. Denn diese seelische und moralische Belastung jeden Morgen beim auflesen der Namen (bin ich heute dabei oder nicht) war verheerend.
Inzwischen war es Weihnachten und das Lager wurde langsam leer. Wir mussten schon zwei Tage nicht zur Arbeit und auch das tägliche Aufrufen zum Transport nach Hause oder zum Verhör blieb aus. Einige meinten dass die Russen uns die ersten Weihnachten ohne Arbeit feiern lassen wegen der Heimkehr. Wir hofften auch, dass es danach mit der Entlassung weitergehen wird. Wir trösteten uns gegenseitig, denn nach so vielen Jahre Gefangenschaft kommt es auf ein paar Tage später nicht mehr an.
Am dritten Tage, es war am 26. Dezember 1949, wurde gegen Mittag diese grauenhafte Stimmung unterbrochen. Ich glaube kaum, dass ich diese seelisch zermürbenden Tage je vergessen werde. Es kamen einige Russen ins Lager und riefen: „Kameraden, alles antreten im Lagerhof.“ Nachdem unsere Deutsche Lagerkommandatur aufgelöst war, weil sie schon unterwegs Richtung Heimat waren, gab es keine deutsche Lagerführung. Wir traten also wie befohlen mit Hab und Gut (sprich Brotbeutel und Kochgeschirr) an.